Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer: Mitten in die Nostalgie

Die Neuverfilmung von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer kommt in ein paar Tagen in die Schweizer Kinos. Wird der Film dem Erbe der Geschichte gerecht? Lohnt es sich, den Film anzusehen? Ich war an einer Schweizer Premiere und habe Antworten.

Lummerland ist eine kleine Insel mit zwei Bergen irgendwo im Ozean. Mit vier Einwohnern, einer davon König, einer davon Lokomotivführer. Ein fünfter Einwohner, ein Baby mit dunkler Haut, wird vom Postboten gebracht und von den vieren aufgezogen. Der junge bekommt den Namen Jim Knopf und sein bester Freund ist Lukas, der Lokomotivführer. Als der König aus Platz- und Umweltschutzgründen die alte Dampflok Emma in den Ruhestand schicken will, machen sich Jim und Lukas auf, einen neuen Ort zu finden, an dem sie auf Schienen durch das Land fahren können.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Lummerland ist eine Insel mit zwei Bergen.

Doch ehe sie sich versehen, wollen sie eine Entführung aufklären und die Prinzessin Li Si retten.

Zwei Stunden Kindheit

Ich gebe zu, ich war besorgt. Denn ich kann mich gut erinnern, wie ich zum ersten Mal mit Jim Knopf, Lukas, Lummerland, Frau Mahlzahn und der Wilden Dreizehn in Kontakt gekommen bin. Frau Göldi, meine Lehrerin in der zweiten Klasse, hat uns Schülern das Buch vorgelesen und uns Fragen dazu gestellt. Einen Brief wie der von der Wilden Dreizehn mussten wir schreiben. Denn jeder Pirat kennt nur einen Buchstaben und so haben die 13 Piraten nur 13 Buchstaben zur Verfügung.

Kurz: Jim, Lukas und die ganzen Figuren und Orte aus den Büchern von Michael Ende haben meine Kindheit erheblich geprägt, selbst wenn ich die Serie der Augsburger Puppenkiste nie gesehen habe.

Dann also der Film. Der Trailer sieht vielversprechend aus und daher bin ich der Einladung einer Freundin an die Premiere in Zürich gerne nachgekommen. Immerhin gibt es Frühstück dazu.

«Ich will hundert Sequels davon», sage ich zwei Stunden später.

Denn so hoch das Risiko bei der Produktion auch war, so sehr hat sich die Mühe, die sich Autoren, Produzenten und Schauspieler gemacht haben, gelohnt.

Ich habe gelacht, mich gesorgt und war zwei Stunden wieder Kind.

Auf den Pfaden Bud Spencers

Die Special Effects, von denen der Film reichlich gebrauch macht, sind ganz passabel. Hervorragend ist anders, aber sie waren nie so schwach, dass ich mich aus dem Filmgeschehen gerissen gefühlt habe. Das liegt aber nicht nur am Setdesign und der Produktion im allgemeinen, sondern vor allem an den beiden Titelhelden.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Jim und Lukas sind dicke Freunde

Henning Baum als Lukas und Solomon Gordon als Jim sind unheimlich sympathisch und funktionieren grossartig miteinander. Ich habe in keiner Sekunde daran gezweifelt, dass die beiden dicke Freunde sind, sich aktiv umeinander sorgen und sich lieb haben. Sie tragen die Geschichte und die Emotionen wie auch die Launen des Films. Sie täuschen über die Schwächen von Effekten und Schauspielern hinweg und stehlen allen die Szene. Solomon Gordon ist zwar die Neuentdeckung des Films, da selten ein Kinderschauspieler so dermassen gut ist wie der 12Jährige. Zuletzt hat mich Quvenzhané Wallis in Beasts of the Southern Wild so beeindruckt.

Doch es ist Henning Baum als Lukas, der mich in die Kindheit zurück versetzt hat. Sein Lukas ist genau so, wie ich mir Lukas immer vorgestellt habe. Bärig, schlau, praktisch, loyal und fürsorglich. Mit einer brummigen Stimme und unheimlich stark. Denn ein Lokomotivführer, der seine uralte Lok selbst repariert und jeden Tag fährt, der muss stark sein. Doch nicht nur trifft Baum den Lukas perfekt, sondern er erweitert den Part und setzt noch einen obendrauf.

Henning Baum hat das Zeug zum Nachfolger des legendären Schauspielers Bud Spencer. Wer sich nicht an Bud Spencer erinnern mag: Der als Giovanni Pedersoli geborene Italiener hat sich als bäriger Mann in die Herzen der deutschsprachigen Welt geprügelt und Kultstatus erreicht. Ein Nachfolger, spirituell wie auch physisch, scheint undenkbar. Bis Henning Baum den Lukas gibt. Doppelte Nostalgie.

Das Casting ist zwar sehr gut, hat aber einen grossen Haken. Da sind unbekannte Gesichter wie Solomon Gordon und Leighanne Esperanzate als Li Si, die ihre Arbeit hervorragend machen. Dann sind aber die Rollen, die von den üblichen Deutschen Universal-Allzweckschauspielern besetzt werden. Natürlich ist da Michael Herbig alias Bully, der da noch seinen Auftritt haben muss. Natürlich sind da Uwe Ochsenknecht und Annette Frier, die aber wenig auffallen und in ihren Rollen aufgehen. Trotzdem, der Gedanke «Ach, das ist doch der aus dem Film da!» geht nirgendwo hin. Das zerstört die Illusion etwas. Wieder: Dank Solomon Gordon und Henning Baum zerschellt der Film nicht an den Deutschen Stars.

Der friedliche Rebell

Lukas ist aber nicht nur stark, er ist auch stolzer Nonkonformist. Er rebelliert. Kaum eine Etikette, die er nicht missachtet. Kaum eine etablierte Norm, die er nicht in Frage stellt. Aber er ist nicht der Mann, den du hasst, weil er so nervig ist. Wenn König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte ihn bittet, sich ehrfürchtig hinzuknien, blickt er das Knie-Kissen nur fragend an, bis der König ihn bittet, sich hinzusetzen.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Lukas (Henning Baum) ist eine Männerfigur, die es sonst in den Medien nicht mehr zu geben scheint.

Der Lukas ist auch so eine Urgewalt. Die ruht aber friedlich in ihm. – Henning Baum im Interview mit der FAZ

Lukas ist ein starker Mann, der aber genau so in unserer Welt existieren könnte. Wenn auch ohne Dampflok und übermenschliche Kraft. Er zeigt Emotionen, Vertrauen und Loyalität. Er zeigt ein Mannesbild, das es so im Zeitalter des Typen, der sich in erster Linie breit grinsend mit Hand auf der heissen Herdplatte auf den PlayStation-Abend mit Kumpels freut, nicht mehr zu geben scheint. Er ist kompetent, idealistisch und hat trotz allem nie seinen Humor und seine Liebe verloren. Sei das die Liebe zu Emma, seinem Job oder zu Jim Knopf.

Was haben wir da für Typen gesehen? Das waren richtige Kerle, Lee Marvin und James Coburn. Charles Bronson war nun definitiv kein Weichei. Das waren all diese Über-Männer, coole Typen, das habe ich bestimmt in mich aufgesogen, dass man sich so als Mann benimmt. Es gab auch im Freundeskreis meiner Eltern einen Mann, den ich sehr mochte. Das war genauso ein Typ, sehr cool. Der war auch schon durch Krisen gegangen, war Soldat bei den Briten gewesen. Trotzdem hatte er sich eine große Menschlichkeit bewahrt und war zu jedem freundlich. Diese Verbindung von entschlossener Männlichkeit und Herzensgüte, die habe ich mir wahrscheinlich zum Vorbild genommen. – Henning Baum im Interview mit der FAZ

Lukas sucht den Konflikt nicht, lässt sich aber nicht beirren. Er ist ein starker Mann und es ist erfrischend, so eine Figur in einem Film für Kinder zu sehen. Denn das gesunde Mannesbild ist in den Medien abhanden gekommen.

Am Ende der 100 Minuten Film verlasse ich das Kino mit einem Grinsen. Ich habe gelacht, mir war Angst und Bange und ich war traurig, wenn es traurig wurde. Ich war von der Güte der Figuren überrascht und habe ein bisschen in Lummerland und Mandala gelebt.

Alle Bilder: © 2018 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

 

Dom

 

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