Ich hasse die Wörter «beliebt» und «bekannt»

Als Journalist mache ich mir Gedanken über die Sprache, die wir tagtäglich verwenden. Denn es liegt nach Ablauf der Deadlines an mir, meinen Lesern möglichst viel Information verständlich zu vermitteln. So kommt es, dass ich allerlei Meinungen zu merkwürdigen kleinen Dingen der Deutschen Sprache habe. Unter anderem hasse ich die Wörter «beliebt» und «bekannt».

Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Sie werden inflationär von Leuten verwendet, die irgendwelchen Pomp vermitteln wollen, aber keinen Plan vom Inhalt ihres Stoffes haben. Als Stoff definiere ich mal das, was sie geschrieben haben, sei es nun Artikel, Essay oder eine andere Textform.

«Beliebt» ist verschwendeter Platz

Damals, vor vielen Jahren, als ich noch Printjournalist war, habe ich mir eine hohe Informationsdichte angewöhnt. Das hat vor allem den Grund, dass ich durch die Papiergrenze limitiert war. Ich hatte 30, 50, 80 und in seltenen Fällen sogar 120 Zeilen Platz, eine komplette Geschichte mit Neuem, Nuancen, Details, Hintergründen und Kontext zu vermitteln. Da zählt jedes Wort. Jedes Zeichen extra kann zu viel sein.

Bei der Ausbildung von Praktikanten achte ich deshalb schon früh auf einige Dinge: Kurze, klare Sätze, überflüssige Adjektive und unter anderem das Wort «beliebt». Im Laufe dieses Textes schreibe ich, trotz einer Liebe für das generische Maskulin, über eine fiktive Praktikantin. Weil wieso auch nicht. Die Praktikantin wird im Sommer ein Journalismus-Studium in Winterthur beginnen. Sie sammelt auf meiner fiktiven Redaktion erste Erfahrungen. Erfahrung hat sie noch keine, kann aber einen graden Text schreiben. Gute Voraussetzungen.

«Beliebt» ist ein Wort, das sich gerne in Texte einschleicht. Denn das jährliche Seenachtsfest ist so beliebt, dass es jedes Jahr stattfindet. Und der Sänger Ed Sheeran ist so beliebt, dass er in der ersten Januarwoche des Jahres 2018 gleich zwei Songs in den Top 10 der Schweizer Hitparade hat.

Ich gebe einer fiktiven Praktikantin also den Auftrag, über das Seenachtsfest zu schreiben. Sie haut in die Tasten und schreibt.

Das beliebte Seenachtsfest findet am 23. Juni statt. Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr, denn das Fest findet zum 50. Mal statt.

Ich hätte ihr das Wort «beliebt» ersatzlos gestrichen. Den Platz, den ihr die acht Zeichen geben, kann sie für einen besseren Deskriptor oder einen Deskriptor an anderer Stelle für ein anderes Ding verwenden.

  • Nichts, das nicht beliebt ist, findet 50 Mal statt, vor allem öffentliche Anlässe. Wäre nach dem zehnten Seenachtsfest keiner mehr ans Fest gekommen, dann wäre das Fest wohl seit Ewigkeiten abgesagt
  • Wenn ein Leser aus dem Rest des Texts nicht herauslesen kann, dass etwas beliebt, unterhaltsam, spannend und angenehm ist, dann stimmt mit dem Text etwas grundsätzlich nicht

Daher kann das Wort «beliebt» in den meisten Fällen ersatzlos gestrichen werden.

«Bekannt» sagt nichts aus

Gehen wir davon aus, dass wir über Ed Sheeran schreiben wollen. Er gibt ein Konzert in Zürich. Wir wollen die Leute das Konzert schmackhaft machen. Wie oft kommt Sheeran schon nach Zürich?

Schreiben wir drauflos:

Der bekannte Sänger Ed Sheeran wird im August ein Konzert in Zürich geben. Die Tickets sind ab sofort im Vorverkauf.

Den ersten Satz hätte ich einer fiktiven Praktikantin um den Kopf geworfen. Die Praktikantin hätte mich entgeistert angeschaut, ich hätte ihr gesagt, dass der Satz einer Journalistin oder eines Journalisten nicht würdig ist. Das hat zwei Gründe.

  • Wer Ed Sheeran kennt, der braucht das Wort «bekannt» nicht
  • Wer Ed Sheeran nicht kennt, dem nutzt das Wort «bekannt» nichts

Entweder kann hier das Wort «bekannt» ersatzlos gestrichen werden, oder meine fiktive Praktikantin kann sich dazu entscheiden, einen anderen Deskriptor für Ed Sheeran zu verwenden. Bei grossen Namen im Showbusiness bietet sich ein Hinweis auf Preise und Prämierungen an.

Der Sänger Ed Sheeran, der international 46 Auszeichnungen für seine Musik erhalten hat.

So hat jeder Leser einen oberflächlichen Kontext, warum eine Publikation über Ed Sheeran schreibt, einen Anhaltspunkt, weshalb Ed Sheeran berühmt und für den aktuellen Zeitpunkt der Popkultur relevant ist.

  • «Der bekannte Schauspieler Leonardo di Caprio» kann besser als «der mit einem Oscar ausgezeichnete Schauspieler Leonardo di Caprio» eingeführt werden
  • «Die bekannte Sportmarke Nike» kann besser mit «die Sportmarke Nike» umschrieben werden

Warum schreiben wir also so dermassen nutzlose Wörter?

Es muss aber einen Grund geben, weshalb Journalistinnen und Journalisten der Schweiz diese hohlen Wörter immer und immer wieder verwenden.

Ich kann nur darüber spekulieren, weshalb sich die Wörter in Artikel einschleichen. Meine Vermutung heisst «Schweizerdeutsch». Im Schweizerdeutschen Sprachgebrauch, der nach wie vor grammatikalisch und orthographisch weitgehend unreguliert ist, werden die Wörter im Smalltalk verwendet. «Jaja, der DJ Antoine, der ist bekannt». Und «beliebt» kann in ähnlichem Kontext verwendet werden.

Nur dass halt die geschriebene Sprache nicht die gesprochene Sprache ist. Weder in der Schweiz noch sonstwo. Im Schweizerdeutschen ist die Versuchung aber gross, die Schriftsprache der gesprochenen Sprache anzupassen. Helvetismen sind eine ganze Wissenschaft für sich.

Aber «bekannt» und «beliebt» sollten sie nie sein.

 

Dom

 

Leave a Reply

%d bloggers like this: