The Disaster Artist – Ein Oscar für schlechtes Schauspiel

The Disaster Artist ist das wohl ungewöhnlichste Meisterwerk der jüngeren Filmgeschichte. Warum? Weil nicht nur geht es im Film um einen schlechten Film, den schlechtesten Film sogar, sondern das Verrückteste: Der Film basiert auf einer wahren Geschichte.

Tommy Wiseau ist ein Aussenseiter und Exzentriker. Offensichtlich stammt der Mann aus einem Land, in dem nicht Englisch gesprochen wird, selbst wenn er behauptet, Amerikaner zu sein. Zudem ist er der schlechteste in den folgenden Disziplinen:

  • Schauspielerei
  • Drehbuchschreiberei
  • Kameraführung
  • Regie

Er kann aber irgendwie Geld besorgen. So viel Geld, dass er einen Film produzieren kann. Das Machwerk trägt den Namen The Room. Der Film geht in die Annalen Hollywoods ein, als Citizen Kane der schlechten Filme. Der beste schlechte Film aller Zeiten.

Das Problem mit der Schweiz

Schlechte Filme haben in der Schweiz ein Problem: Keiner kennt die. In Schweizer Kinos, meist gehören sie dem Kitag-Konzern, kommen die Filme gar nicht erst. Kitag ist da nicht Schuld daran. Schuld daran ist, sind wir ehrlich, die deutschsprachige Filmkultur. Denn aus einem komplett unerfindlichen Grund haben die Deutschsprechenden dieses Planeten beschlossen, dass alle Filme hierzulande synchronisiert sein müssen.

Daher sind Filme, die keinen Erfolg in Übersee hatten, nur für ein Nischenpublikum gedacht sind oder nicht von einem grossen Studio produziert wurden, in der Schweiz nur selten zu sehen. In Deutschland noch eher, wo es sogar möglich war, dass Kultserien wie Doctor Who auf der grossen Leinwand gezeigt werden.

Darum habe ich vor einigen Wochen ein Video im Rahmen meines «Ich lerne Filmen»-Projekts produziert. Audio ist zwar etwas schlecht, ich arbeite daran, aber immerhin weisst du am Ende, was du wissen musst, um für The Disaster Artist gewappnet zu sein.

Denn wenn es einen Film gibt, die Filmliebhaber und Fans des schlechten Films kennen müssen, dann ist es The Room. Ein paar Dinge, nur ganz kurz, die du wissen musst:

  • Tommy Wiseau spricht gebrochen Englisch
  • Tommy Wiseaus echter Name ist nicht Tommy Wiseau
  • Tommy Wiseau hat sich den Namen Wiseau gegeben, weil er meint, dass Wiseau wie das französische Wort «oiseau», also «Vogel», klingt
  • Tommy Wiseau hat Geld aus einer nicht näher genannten Quelle
  • Keiner weiss, wie alt Tommy Wiseau genau ist
  • Tommy Wiseau scheint an allem zu scheitern, was er anpackt

Letzterer Punkt hat dazu geführt, dass Tommy Wiseau in die Geschichte des Films einging. Kaum ein Film hat eine wirrere Story als The Room, schlechtere Schauspieler und eine noch verstörendere Making-of-Geschichte. Diese Geschichte hat Greg Sestero, Co-Star und Tommys bester Freund im echten Leben, niedergeschrieben.

The Disaster Artist

Aus irgendeinem Grund hat Tommy Wiseau beschlossen, dass das Set auf dem Dach in einem Studio nachgebaut werden soll.

Von all dem hat die Schweiz bisher nichts mitbekommen, denn weder The Room noch das Buch, The Disaster Artist, hat es in die Schweiz geschafft. Der Film, der das Buch verfilmt, ebenfalls unter dem Titel The Disaster Artist, aber schon.

Der Mensch Tommy Wiseau

The Disaster Artist, der Film, könnte also die komplette Verballhornung des Tommy Wiseau sein. Denn den Mann gibt es in Echt. Er geistert durch das Internet, gibt wirre Antworten auf klare Fragen und beharrt darauf, Amerikaner zu sein. Derweil hat sich das Internet die Aufgabe gestellt, das Mysterium Wiseau zu entschlüsseln. Ohbaimark, Nutzer der Internetplattform Reddit, hat in einem Thread Spuresuche betrieben und glaubt, zu wissen, wer Tommy Wiseau ist.

Tommy Wiseau

Tommy Wiseau ist trotz allem ein Mysterium

Im Buch spricht Greg Sestero von Tommys Verwandtschaft, Tante Katherine und Onkel Stanley im Spezifischen, die in Chalmette bei New Orleans gelebt haben. Ohbaimark hat in der Lokalzeitung zwei Todesanzeigen gefunden. Für Stanley und Katherine Wieczor, beide mit Wurzeln in Polen. Wieczor wird in etwa «Wie-sor» ausgesprochen. Wiseau ist phonetisch nicht weit entfernt von Wieczor. Doch damit nicht genug: User mzywiol stammt selbst aus Polen und weiss, dass Tommy Wiseau oft die selben Fehler im Englischen macht, die ein Pole macht, wenn er Englisch spricht. Er füge oft definitive Artikel vor einem Personennamen ein und vergesse unbestimmte Artikel vor Nomen. Daher: Tommy Wiseau, so sagt das Internet, kommt ursprünglich aus Polen.

Weitere Theorien in Kürze:

  • Tommy hat sein Geld aus einem Gerichtsverfahren nach einem Unfall erhalten
  • Tommy hat sein Geld mit dem Verkauf von Jeans verdient
  • Tommy hat sein Geld mit dem Verkauf von Lederjacken verdient
  • Tommy hat nach einem Autounfall einen Gehirnschaden erlitten, was erklärt, wieso er so exzentrisch ist

Da Tommy aber seine Privatsphäre schätzt, wird das Mysterium Tommy im Buch wie auch im Film mysteriös belassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Greg Sestero weiss, woher Tommy stammt, aber es aus Freundschaft niemandem sagen wird.

Genau das ist es, was den Film und das Buch ausmacht. Auch wenn wir als Zuschauer oder Leser nie erfahren werden, wer Tommy Wiseau denn genau ist, so lernen wir den Menschen Tommy Wiseau und nicht den komplett irren Filmemacher kennen. Dank James Francos Performance, für die sich der Schauspieler die Mimik und Gestik Wiseaus zueigen gemacht hat, erhalten wir etwas Einblick in das emotionale Innenleben Tommys.

The Disaster Artist

Trotz des Irrsinns Tommys macht der Film vieles richtig und zeigt auch die menschliche Seite Wiseaus.

Denn der Exzentriker hat doch Emotionen. In einigen Szenen scheint es so, als ob er sich seiner eigenen Inkompetenz bewusst ist. Dann wieder nicht. Dann ist er verletzt, als Greg – im Film von Dave Franco gespielt – mit seiner Freundin einzieht. Es wäre einfach, sich 100 Minuten lang über Tommy Wiseau lustig zu machen, doch das Team um die Francos und Sestero machen sich grösste Mühe, Tommys Irrsinn und sein grundsätzliches Missverständnis unserer Realität mit Menschlichkeit und Verwundbarkeit zu versehen.

The Disaster Artist ist eine Liebeserklärung an den schlechten Film, The Room und Tommy Wiseau als Mysterium und Person. Ich habe eine bösartige Komödie wie The Interview erwartet, doch ein Art Tragikomödie mit viel Herz bekommen. Ich habe gelacht, mich dann wieder schlecht gefühlt, weil ich gelacht habe und dann den Kopf über Zeilen wie «It’s definitely breast cancer» geschüttelt.

The Disaster Artist verdient seine Oscar-Nominierung. James Franco ist erschreckend gut als Tommy Wiseau und bringt sowohl Mimik wie auch Gestik perfekt rüber, wie in den End Credits des Filmes zu sehen ist.

Am Ende bleibt nur dies: Wer Film als Medium mag, der soll sich The Disaster Artist unbedingt ansehen.

 

Dom

 

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